Unsichtbare Stütze des Pflegesystems

Wien (OTS) – Anlässlich des Aktionstages für pflegende Angehörige am
13. September
ruft der Berufsverband Österreichischer Psychologinnen und
Psychologen (BÖP) zum Bewusstsein für jene Menschen auf, die
tagtäglich im Stillen ein Familienmitglied pflegen. Etwa 80 Prozent
der pflegebedürftigen Menschen in Österreich werden zu Hause betreut
– überwiegend von Frauen.

„Pflegende Angehörige leisten einen unbezahlbaren Beitrag für
unsere Gesellschaft. Hinter verschlossenen Türen tragen sie eine kaum
sichtbare Last, nicht selten zusätzlich zu Beruf und Kindererziehung.
Diese Mehrfachbelastung darf nicht auf Kosten der psychischen
Gesundheit gehen. Care-Arbeit muss endlich auch geschlechtersensibel
und fair verteilt werden. Pflege darf keine reine Frauensache bleiben
– auch Männer sind gefordert, mehr Verantwortung zu übernehmen. Wir
müssen die Anliegen pflegender Angehöriger ernst nehmen und ihnen den
Zugang zu professioneller psychologischer Unterstützung erleichtern.
Besonders die Betreuung von Eltern mit einer Demenz oder Alzheimer-
Krankheit kann eine dauerhafte Stresssituation darstellen – hier
braucht es gezielte Entlastung und Begleitung.“, betont BÖP-
Präsidentin ao. Univ.-Prof.in Dr.in Wimmer-Puchinger.

Zwtl.: Care-Arbeit bleibt ungleich verteilt

Der sogenannte Gender-Care-Gap zeigt: Frauen übernehmen 43
Prozent mehr unbezahlte Pflegearbeit als Männer. Diese ungleiche
Verteilung ist kein rein österreichisches Phänomen, sondern
europaweit zu beobachten. Gründe dafür sind unter anderem
traditionelle Geschlechterrollen, Einkommensunterschiede sowie
fehlende Infrastruktur für Betreuung und Pflege.

Die Folgen sind gravierend: geringere Karrierechancen, höheres
Risiko von Altersarmut und eine enorme psychische Belastung, die vor
allem Frauen trifft. Eine gerechte Aufteilung von Care-Arbeit
zwischen Frauen und Männern ist daher entscheidend, um Überlastung zu
verhindern und echte Gleichstellung zu erreichen.

Zwtl.: Belastungen bleiben oft im Verborgenen

Pflegende Angehörige übernehmen Verantwortung für die Gesundheit
und das Wohlergehen ihrer Angehörigen. Gleichzeitig erleben sie
Stress, Erschöpfung, Angst oder depressive Verstimmungen, die häufig
unerkannt bleiben. Viele Betroffene scheuen sich, Hilfe anzunehmen,
obwohl sie in einer hochbelasteten Situation leben.

Zwtl.: Psychologische Unterstützung entscheidend

Professionelle psychologische Unterstützung spielt bei der
Bewältigung von Krisen eine entscheidende Rolle. Im Rahmen des “
Angehörigengespräches “ haben belastete Angehörige die Möglichkeit,
kostenlos und vertraulich bis zu zehn Entlastungsgespräche zu führen.
Rund 100 BeraterInnen, die überwiegende Mehrheit von ihnen Klinische
PsychologInnen, sind österreichweit beteiligt um in persönlichen
Gesprächen, je nach Wunsch entweder zu Hause, an einem anderen Ort,
telefonisch oder online zu unterstützen. Das „Angehörigengespräch“
wurde 2014 vom Bundesministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit,
Pflege und Konsumentenschutz mit maßgeblicher Unterstützung des BÖP
ins Leben gerufen.

Für akute Situationen steht zusätzlich die BÖP-Helpline als
niedrigschwellige, kostenlose und anonyme Anlaufstelle zur Verfügung.
Mo – Do 9.00 – 13.00 Uhr – Tel.: 01/504 8000 oder via E-Mail:
[email protected] .

Zwtl.: Unsichtbare Arbeit sichtbar machen

Nur durch die Pflege im Familienkreis gelingt es, dass alle
Pflegebedürftigen in Österreich umfassend versorgt werden können –
eine ausschließlich professionelle Betreuung wäre finanziell nicht
leistbar. Zwar bringt das Pflegegeld eine gewisse finanzielle
Unterstützung, doch die psychische Belastung bleibt oft
unberücksichtigt.

„Wer Angehörige pflegt, verdient neben finanzieller Unterstützung
auch Anerkennung für diese anspruchsvolle Arbeit. Es ist von
entscheidender Bedeutung, dass sie selbst gesund bleiben und
Unterstützung in Anspruch nehmen, um ihre psychische Gesundheit zu
schützen. Wenn wir die Belastungen der Pflegenden übersehen, gerät
auch die Versorgung insgesamt an ihre Grenzen.“, so ao. Univ.-Prof.in
Dr.in Wimmer-Puchinger.