Wien (OTS) – Die Anwältin für Gleichbehandlungsfragen für Menschen
mit
Behinderungen, Mag.a Christine Steger, hat heute die Ergebnisse ihrer
Vernetzungstreffen 2025 in allen neun Bundesländern an die
zuständigen Entscheidungsträger:innen auf Bundes- und Landesebene
übermittelt. Darin fasst sie zusammen, was mehrere hundert
Vertreter:innen von Behindertenorganisationen, Beratungsstellen und
Behörden aus ganz Österreich übereinstimmend berichten: Kinder und
Jugendliche mit Behinderungen stoßen im Alltag auf massive Barrieren
und das System ist bislang nicht in der Lage, diese ausreichend
abzubauen.
„Kinder und Jugendliche mit Behinderungen erleben nach wie vor
erhebliche Barrieren, insbesondere in der Bildung, beim Übergang in
Ausbildung und Arbeit, in der Gesundheitsversorgung und in der
sozialen Absicherung. Das ist kein Randphänomen, sondern betrifft
zahlreiche Familien in ganz Österreich,“ so Steger.
Zwtl.: Inklusion endet oft schon im Kindergarten oder der Volksschule
Inklusion bedeutet, dass Kinder mit und ohne Behinderung
gemeinsam aufwachsen, zusammen lernen und selbstverständlich
dazugehören. Doch die Realität sieht in Österreich oft anders aus.
Bereits im Kindergarten beginnt die Ausgrenzung, weil Plätze fehlen,
Einrichtungen nicht barrierefrei sind oder das nötige
Unterstützungspersonal nicht vorhanden ist. Kinder mit Behinderungen
können so nicht gleichberechtigt mit Gleichaltrigen aufwachsen. Die
Folgen ziehen sich dann durch das gesamte spätere Leben.
In der Schule setzt sich dieses Muster fort. Obwohl Eltern in
Österreich gesetzlich das Recht haben, zwischen Regelschule und
Sonderschule zu wählen, besteht diese Wahlfreiheit in der Praxis oft
nicht. Es fehlt an Unterstützungspersonal in der Regelschule,
barrierefreier Nachmittagsbetreuung und den nötigen organisatorischen
Voraussetzungen. Eltern werden dadurch faktisch gezwungen, ihre
Kinder in Sonderschulen einzuschreiben, nicht aus Überzeugung,
sondern aus Mangel an Alternativen. Das verstärkt die Trennung von
Kindern mit und ohne Behinderung weiter.
Besonders schwierig ist die Lage für Kinder mit chronischen
Erkrankungen oder unsichtbaren Behinderungen. Für diese Kinder gibt
es kaum flexible Bildungsangebote, die ihrem Alltag gerecht werden.
Wer nicht täglich physisch in die Schule kommen kann, läuft Gefahr,
vom Unterricht ausgeschlossen zu sein und damit in Isolation zu
geraten.
Zwtl.: Übergänge in Ausbildung und Arbeit bleiben Leerstelle
Auch nach der Schule tun sich gefährliche Lücken auf.
Jugendlichen mit Behinderungen wird früh bescheinigt, nicht arbeits-
oder vermittlungsfähig zu sein. Das schränkt ihre Möglichkeiten auf
Jahrzehnte ein. Dazu kommt ein weiteres Problem: Wer eine
Beschäftigung aufnimmt, riskiert, wichtige Unterstützungsleistungen
zu verlieren, etwa die erhöhte Familienbeihilfe oder finanzielle
Hilfen der Bundesländer. Das macht den Schritt in die Arbeitswelt zur
finanziellen Falle.
„Es ist paradox. Das System, das Jugendliche mit Behinderungen
absichern soll, hält sie gleichzeitig vom Arbeitsmarkt fern. Hier
braucht es eine strukturelle Entkoppelung existenzsichernder
Leistungen von der Erwerbstätigkeit,“ so Steger. Das heißt konkret:
Wer arbeiten geht, darf deswegen nicht seine Grundabsicherung
verlieren.
Zwtl.: Belastung trifft Familien und vor allem Frauen in besonderem
Maße
Wenn das System versagt, springen Familien ein und das hat einen
Preis. Weil Betreuungsangebote, Schulassistenz oder therapeutische
Versorgung fehlen oder nicht ausreichend sind, übernehmen Angehörige
diese Aufgaben selbst. Das sind in Österreich überwiegend Mütter. Sie
reduzieren ihre Arbeitszeit, geben ihren Beruf auf oder verzichten
auf eigene Vorsorge mit langfristigen Folgen für ihre finanzielle
Unabhängigkeit und Gesundheit. Mehr Fachpersonal in Bildung und
Betreuung würde deshalb nicht nur Kindern nützen, sondern auch Frauen
entlasten und zur Gleichstellung beitragen.
Zwtl.: Konkrete Forderungen an die Bundesregierung
Die Anwältin für Gleichbehandlungsfragen für Menschen mit
Behinderungen richtet daher konkrete Empfehlungen für strukturelle
Reformen an die Politik:
–
Stärkung inklusiver Bildung : Alle Kinder sollen die Möglichkeit
haben, gemeinsam zur Schule zu gehen. Dazu braucht es einheitliche
Standards für Unterstützungspersonal, Barrierefreiheit und notwendige
Hilfsmittel in ganz Österreich
–
Mehr Fachpersonal in Kindergarten, Schule und Betreuung : Mehr
ausgebildete Pädagog:innen, Schulassistenz und Therapeut:innen
entlasten Familien und ermöglichen echte Inklusion
–
Reform der Begutachtung : Wer Unterstützungsleistungen braucht,
soll diese auch tatsächlich durch ein faires, bedarfsgerechtes
Begutachtungsverfahren bekommen, das den Menschen und seine
tatsächliche Lebenssituation in den Mittelpunkt stellt
–
Sichere Übergänge in Ausbildung und Arbeit :
Unterstützungsleistungen dürfen nicht wegfallen, wenn jemand arbeiten
geht
–
Bessere Koordination zwischen Bund, Ländern und Gemeinden : Klare
Zuständigkeiten und eine gemeinsame Datenbasis, damit Familien nicht
zwischen verschiedenen Stellen verloren gehen
„Die Vernetzungstreffen haben gezeigt, dass Inklusion von Kindern
und Jugendlichen mit Behinderungen eine gesamtstaatliche Aufgabe ist.
Einzelmaßnahmen reichen nicht aus. Es braucht strukturelle Reformen
entlang der gesamten Lebensphasen mit einer konsequenten
menschenrechtsbasierten Ausrichtung. Ich appelliere an alle
zuständigen Ministerien und Länder, gemeinsam zu handeln,“ so Steger.





