Wien (OTS) – Während draußen Sonnencreme-Debatten geführt werden,
läuft in
Österreichs Justizanstalten ein unfreiwilliges Experiment: Wie viele
Menschen kann man in überbelegte, unklimatisierte Zellen sperren,
bevor das System den Siedepunkt erreicht?
Die Kombination aus chronischer Überbelegung und zunehmender
Sommerhitze macht die Anstalten zu Brutkästen – für Insassen und
Personal gleichermaßen. Die Stammtischparole „Sollen sie halt
schwitzen!“ ignoriert eine Realität, die gefährlich ist: Ein
Strafvollzug, der Menschen in psychisch und physisch belastenden
Verhältnissen festhält, resozialisiert nicht – er verschärft
Probleme. Er produziert Frust, Schlaflosigkeit und ein
Aggressionspotenzial, das täglich auf das Personal zurückschlägt.
Zwtl.: Die Würde von Menschen
Dabei geht es im Vollzug längst nicht nur um organisatorische
Abläufe oder die Bewältigung des Alltags hinter Mauern. Hier geht es
oft um existenzielle Fragen und um die Würde von Menschen, die der
Obhut des Staates anvertraut sind. Wenn Hitze, Überbelegung und
Ressourcenmangel diese Würde systematisch untergraben, gerät nicht
nur die Sicherheit ins Wanken, sondern auch der Kernauftrag des
Strafvollzugs.
Und genau diese Verantwortung liegt letztlich beim
Justizministerium und bei Frau Bundesministerin Dr. Anna Sporrer –
denn sie entscheidet über Ressourcen, Prioritäten und darüber, ob der
Vollzug im Sommer ein Sicherheitsrisiko bleibt oder endlich
modernisiert wird.
Zwtl.: Ein System im gemeinsamen Hitzestau
Wenn die Außentemperaturen die 30-Grad-Marke knacken, verwandeln
sich historische Gefängnisbauten in thermische Speicherkraftwerke. In
den überbelegten Zellen steht die Luft. Die Hitze raubt den Insassen
den Schlaf und lässt das Aggressionspotenzial im Sekundentakt
steigen. Mitten in diesem Pulverfass stehen unsere Kolleginnen und
Kollegen, die täglich im engen Zusammenspiel eine logistische,
administrative, medizinische und emotionale Meisterleistung erbringen
müssen.
Zwtl.: Die Justizwache im Dauereinsatz
Für die Justizwache bedeutet der Sommer Schwerstarbeit unter
erschwerten Bedingungen. In schwerer Dienstbekleidung müssen sie
deeskalieren, den Abteilungsdienst sichern und auf die erhöhte
Reizbarkeit in den Gängen reagieren. Jede Vorführung wird bei 38 Grad
Raumtemperatur zur extremen körperlichen Belastung. Die
psychologische Last, in einem chronisch unterbesetzten Exekutivdienst
permanent den Deckel auf dem kochenden Topf halten zu müssen, ist
enorm.
Zwtl.: Der zivile Fachdienst im Schweißbad
Das zivile Fachpersonal führt Krisengespräche, Therapieeinheiten
und Vollzugsplanungen, während der Schweiß von der Stirn tropft und
die Anspannung im Raum spürbar ist. Sie müssen nicht nur die eigene
Erschöpfung ausblenden, sondern gleichzeitig hochsensibel auf die
spürbare Anspannung ihres Gegenübers reagieren. Da wird die
Resozialisierung zur emotionalen Schwerstarbeit.
Zwtl.: Ärzte und Krankenpflege an der Belastungsgrenze
Chronische Erkrankungen, schwere psychiatrische Problemstellungen
und akute hitzebedingte Kreislaufkollapse nehmen keine Sommerpause.
Für das medizinische und pflegerische Personal bedeutet die Hitze
einen permanenten Dauereinsatz. Unter saunaähnlichen Bedingungen
rotieren der Ärztliche Dienst und die Krankenpflege, um den
gesetzlichen Auftrag der Gesundheitsfürsorge aufrechtzuerhalten.
Zwtl.: Die Verwaltung im Akten-Dschungel
Und auch in der Verwaltung laufen die Aktenberge heiß – dort wird
unter denselben Bedingungen versucht, den Vollzugsalltag
organisatorisch zusammenzuhalten. Wenn die Hitze das System lähmt und
die Überbelegung zu einer Flut an Verlegungen, Anträgen und
bürokratischem Mehraufwand führt, rauchen in den Kanzleien die Köpfe.
Ohne Klimaanlage, aber dafür mit Bergen von Papierkram, sorgen sie
dafür, dass der Laden rechtlich und logistisch nicht kollabiert –
während das Budget diktiert, dass man selbst bei Ventilatoren den
Sparstift ansetzen muss.
Zwtl.: Das Kernziel in Gefahr: Frust statt Fortschritt
Abseits der schieren Hitze teilen alle Bediensteten – ob in
Uniform, Kanzlei oder Betreuungszimmern – mittlerweile eine viel
tiefere, strukturelle Sorge: Sie erleben tagtäglich, wie der
gesetzliche Resozialisierungsgedanke unter den aktuellen Bedingungen
systematisch erstickt wird.
Der massive Überbelag, der akute Personalmangel an allen Ecken
und Enden sowie die stetig wachsenden, oft rein administrativen
Aufgaben lassen schlicht keinen Raum mehr für nachhaltige Arbeit.
Wenn das gesamte Haus im Dauermodus der Krisenverwaltung läuft,
mutiert die Vorbereitung auf ein straffreies Leben nach der
Entlassung zur reinen Utopie auf dem Papier. Es geht nicht mehr
darum, Menschen zu bessern, sondern nur noch darum, das System
irgendwie am Laufen zu halten.
Zwtl.: Politischer Weitblick statt Aussitzen
Das Justizministerium schwitzt das Problem Jahr für Jahr aus.
Doch die Bediensteten können nicht wegschauen. Sie tragen die
Verantwortung für ein humanes und sicheres Klima hinter den Mauern.
Die UGÖD bleibt klar: Wir brauchen endlich eine spürbare Senkung
der Betreuungsschlüssel, eine personelle Aufstockung im Bereich der
zivilen Bediensteten sowie im Exekutivdienst – und bauliche
Maßnahmen, die den Namen „moderner und sicherer Vollzug“ auch im
Hochsommer verdienen.
Solange das Budget restriktiv bleibt, reparieren die Bediensteten
das System mit Idealismus und Menschlichkeit – beides schmilzt bei 36
Grad im Schatten besonders schnell.
Sandra Gaupmann,
Stv. UGÖD-Vorsitzende und Mitglied im GÖD-Vorstand, sandra.gaupmann@
ugoed.at
Ingo Hackl,
UGÖD-Vorsitzender, [email protected]





