Erdbeben in Venezuela: Jugend Eine Welt-Nothilfe-Koordinator Wedan in Caracas

Wien (OTS) – Nur wenige Stunden nach den beiden schweren Erdbeben in
Venezuela,
die den Andenstaat mit einer Magnitude von 7,2 und 7,5 trafen,
startete die österreichische Entwicklungsorganisation Jugend Eine
Welt ihre Nothilfe-Maßnahmen. Angeführt von Wolfgang Wedan,
erfahrener Katastrophen-Manager und seit vielen Jahren für Jugend
Eine Welt in Venezuelas Hauptstadt Caracas stationiert, wurde
gemeinsam mit langjährigen Partnern vor Ort die Lage eruiert. Neben
Caracas bleibt die Situation im am schwersten betroffenen Bundesstaat
und der gleichnamigen Stadt La Guaira an der Karibik-Küste besonders
unübersichtlich. Dutzende Gebäude sind eingestürzt, noch immer werden
viele Menschen unter den Trümmern vermisst. Die Zahl der Toten steigt
weiter.

Wolfgang Wedan reist am Sonntag von Wien nach Caracas. Im
folgenden Interview gibt der Globale Nothilfe-Koordinator von Jugend
Eine Welt eine Einschätzung der Lage und Einblicke in seine Arbeit
vor Ort.

Herr Wedan, mehr als 24 Stunden sind nun seit den beiden schweren
Erdbeben in Venezuela vergangen. Wie ist die aktuelle Lage vor Ort?
Welche Meldungen erhalten Sie von Ihren Jugend Eine Welt-Partnerinnen
und -partnern, die bereits im Erdbebengebiet die Nothilfemaßnahmen
gestartet haben?
Wedan: „Nachdem anfangs das Telefonnetz sowie die Internetversorgung
zusammengebrochen ist, erhalte ich jetzt zunehmend immer mehr
Informationen von unseren Partnern. Unsere Don Bosco-Partner
berichten, dass die Lage der betroffenen Menschen immer dramatischer
wird. In der Hauptstadt Caracas sind einige Häuser eingestürzt. Die
Situation in Petare, einem der größten Armenviertel Lateinamerikas am
Rand von Caracas, ist noch nicht einzuschätzen. Dort sind auch sehr
viele Häuser unbewohnbar. Und speziell im Norden von Venezuela, im
Bundesstaat La Guaira, wo sich auch der internationale Flughafen
befindet, sind sehr, sehr viele Häuser in sich zusammengebrochen.
Dort hat man allerdings noch keine gesicherten Informationen, wie
viele Menschen verschüttet oder verstorben sind.“

Sie fliegen am Sonntag zurück nach Caracas, bis dahin
koordinieren Sie die Nothilfemaßnahmen von Jugend Eine Welt von Wien
aus. Was brauchen die betroffenen Menschen vor Ort in Venezuela
aktuell am dringendsten?
Wedan: „Allen voran Trinkwasser bzw. generell sauberes Wasser. Die
Temperaturen sind sehr hoch, vor allem nördlich von Caracas, und hier
besteht die Gefahr der Dehydrierung. Neben Trinkwasser sind
Lebensmittel ein großer Bedarf. Ich spreche von Grundnahrungsmitteln,
in Venezuela handelt es sich hier meist um Reis, Mehl und Sardinen.
Und der dritte, enorme Mangel sind aktuell Medikamente. Diese waren
in Venezuela schon immer knapp. Aufgrund der Erdbebenkatastrophe hat
sich die Versorgungslage nun noch mehr verschärft.“

Was werden die ersten Maßnahmen sein, die Sie vor Ort umsetzen,
sobald Sie angekommen sind?
Wedan: „Ich komme venezolanische Zeit am Sonntag um 17:00 Uhr in
Caracas an. Danach geht es sofort mit einem Meeting mit unseren
Projektpartnern vor Ort, den Salesianern Don Boscos, los, um ein
aktuelles Lagebild zu erhalten. Am Montag-Früh folgt dann ein
detailliertes Assessment mit Fokus auf Caracas, bei dem ich direkt in
die betroffenen Gebiete fahre.“

Sie sind ein erfahrener Nothilfe-Experte und haben nach
zahlreichen Katastrophen, zum Beispiel nach den Erdbeben in Ecuador,
Haiti und Aleppo sowie dem Tsunami auf Sri Lanka, schon viele
Nothilfe-Maßnahmen koordiniert. Wie ist die Situation, wenn man in
das Erdbebengebiet kommt?
Wedan: „Ich habe tatsächlich schon viel erlebt. Daher richtet sich
mein Fokus sofort auf die betroffene Bevölkerung. Diese ist meist
hochtraumatisiert, auch aufgrund der vielen kleinen Nachbeben, die
die Menschen regelmäßig erneut in Panik versetzen. Das wird auch in
Venezuela leider noch einige Tage so gehen. Die Menschen können nicht
zurück in ihre beschädigten Wohnungen oder trauen sich einfach nicht
wieder in ihre Häuser, weil sie Angst haben, dass durch Nachbeben die
Decke einstürzt. Die Tatsache, dass Caracas speziell in der Nacht
keine sichere Stadt ist, verschärft natürlich die Situation. Denn im
Freien sind die Menschen dadurch zusätzlichen Risiken ausgesetzt.“

Wie kann aus Österreich geholfen werden? Kommen Spenden an Jugend
Eine Welt wirklich in Venezuela dort an, wo sie dringend gebraucht
werden?
Wedan: „Ich kann Ihnen versprechen, dass Spenden über Jugend Eine
Welt genau dort ankommen, wo sie gebraucht werden. Der Grund: Unsere
Partner, die Salesianer Don Boscos und Don Bosco Schwestern, sind mit
rund 20 Standorten seit Jahrzehnten im ganzen Land vertreten fix vor
Ort und haben bereits jetzt mit der Nothilfe begonnen. Sie kennen die
betroffenen Viertel, sie kennen die Menschen, und sie bleiben auch
dann, wenn die internationale Aufmerksamkeit längst wieder woanders
ist. Zudem hat Jugend Eine Welt in den vergangenen 25 Jahren
durchgängig das Österreichische Spendengütesiegel verliehen bekommen.
Als Bestätigung, dass die Mittelverwendung streng und unabhängig
geprüft wurde. Wenn ich am Sonntag ankomme, ist mein erster Auftrag,
gemeinsam mit unseren Partnern genau zu erheben, wo der Bedarf am
größten ist und wie wir die verfügbaren Mittel am effektivsten
einsetzen. Dazu gehört auch, Doppelgleisigkeiten mit anderen
Hilfsorganisationen zu vermeiden. Es macht wenig Sinn, wenn eine
Familie von drei Organisationen dieselben Nahrungsmittel bekommt und
die nächste gar nichts – hier braucht es Abstimmung. Und wir denken
über den Moment hinaus: Es braucht nicht nur Nothilfe, sondern auch
Mittel für den Wiederaufbau, der Jahre dauern wird. Wir dürfen nicht
vergessen, dass Venezuela schon vor den beiden Erdbeben
wirtschaftlich in einer sehr schwierigen Lage war. Gerade deshalb ist
es so wertvoll, Partner zu haben, die nicht erst anreisen müssen,
sondern schon da sind.“

Sie sprechen einen wichtigen Punkt an. Nicht nur die kurzfristige
Hilfe ist wichtig, sondern auch die langfristige. Jugend Eine Welt
ist seit vielen Jahren vor Ort in Venezuela. Wie ist hier Ihre
Einschätzung?
Wedan: „Man muss das Ganze jetzt in einem dreiteiligen Prozess sehen.
Zuerst kommt die Nothilfe. Dazu gehören sogenannte „Rescue
Operations“, die große internationale NGOs machen, um Verschüttete zu
bergen und sie zu betreuen. Dann gehen wir über in die humanitäre
Hilfe weiter und es kommt die Verbindung zur langfristigen
Entwicklungszusammenarbeit. Der Vorteil von Jugend Eine Welt ist,
dass wir unsere Projektpartnerinnen und -partner direkt vor Ort
haben, sie seit Jahrzehnten genaue Einblicke und Expertise haben und
so wissen, was konstruktiv und nachhaltig benötigt wird. Jugend Eine
Welt unterstützt hier beispielsweise Wiederaufbaumaßnahmen von
Schulen, um das Bildungsangebot für Kinder und Jugendliche zu
gewährleisten, weil Kinder und Jugendliche die zukünftigen
Generationen sind. Sie werden gebraucht, um das Land wieder
aufzubauen.“

Sie waren gerade in Österreich auf Heimaturlaub, als in Venezuela
die Erde bebte. Inwieweit traf Sie die Katastrophe persönlich?
Wedan: „Es schmerzt mich sehr. Ich habe Venezuela in den letzten
Jahren erlebt als ein Land, dem es wirtschaftlich nicht gut geht, in
dem die Armut der Menschen konstant zunimmt. Und nun kam mit der
Erdbebenkatastrophe der nächste Schicksalsschlag für die notleidende
Bevölkerung. Viele fragen mich, warum ich in Venezuela lebe und was
ich dort überhaupt mache. Das Land ist sehr, sehr arm. Aber die
Menschen lächeln, sie haben gelernt mit der Armut umzugehen. Dass die
Erdbeben jetzt vielen Familien, Kindern und älteren Personen ihre
letzten Habseligkeiten, die sie noch hatten, gänzlich genommen haben,
macht mich wirklich tief betroffen.“

Über Wolfgang Wedan
Wolfgang Wedan (geboren am 4. Oktober 1960) ist ein ausgewiesener
Nothilfe-Koordinator und setzt seine große Erfahrung seit knapp 25
Jahren weltweit in Krisengebieten ein. Der gebürtige Steirer (
Voitsberg) war u.a. nach Erdbeben in Algerien (2003), Marokko (2004),
Indonesien (2009), Haiti (2010), Nepal (2015) und Ecuador (2016) und
Aleppo (2023) vor Ort in führenden Positionen im Einsatz. Auch nach
dem verheerenden Tsunami, der Sri Lanka im Jahr 2004 traf, war Wedan
mit seiner Expertise gefragt. Zudem koordinierte Wedan, der in
Caracas lebt, mit Ausbruch des Ukraine-Kriegs die Nothilfe von Jugend
Eine Welt in der Ukraine, aber auch in den angrenzenden
Nachbarstaaten Slowakei, Polen, Rumänien und der Republik Moldau.

Interview-Möglichkeit
Wolfgang Wedan, Globaler Nothilfe-Koordinator von Jugend Eine Welt
und Erdbeben- bzw. Venezuela-Experte, steht Ihnen gerne für ein
weiterführendes Interview zur Verfügung. Ab Sonntag-Abend befindet er
sich in Caracas. Anfragen an Thomas Zach, +43 (0) 664 88 63 2574.

Bitte spenden Sie!
Jugend Eine Welt-Spendenkonto:
IBAN: AT66 3600 0000 0002 4000
BIC: RZTIAT22
Kennwort: Nothilfe Venezuela
Onlinespenden unter www.jugendeinewelt.at/spenden
Spenden sind steuerlich absetzbar!

Infos: www.jugendeinewelt.at

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