Wien (OTS) – Info und Bildmaterial zum Download:
https://bit.ly/aktionstag-
tageseltern
Marina T., Mutter zweier Kleinkinder, hat Glück. Sie pendelt
täglich von einer kleinen Weinviertler Gemeinde nach Wien, wo sie als
diplomierte Krankenpflegerin in der Intensivstation eines großen
Spitals arbeitet. Der Kindergarten in ihrer Gemeinde ist nur von 7:00
bis 13:00 Uhr geöffnet, weshalb sie ihre Tochter einer Tagesmutter im
Ort anvertraut. Diese kümmert sich um die Dreijährige, je nachdem, ob
Marina Früh- oder Spätdienst hat. Weniger Glück hat Johanna N. Die
Alleinerzieherin kommt aus der gleichen Gemeinde, ist gelernte
Einzelhandelskauffrau und hat bis zur Geburt ihres Sohnes in einem
Wiener Supermarkt gearbeitet. Ihr Sohn ist jetzt gut ein Jahr alt,
Johanna hätte ihre Arbeit gerne wieder aufgenommen. Die
Öffnungszeiten der Kinderkrippe lassen das aber nicht zu. Und die
Kosten für die Tagesmutter übersteigen Johannas finanzielle
Möglichkeiten. Sie hat daher einen schlechter bezahlten Teilzeitjob
als Verkäuferin im Nachbarort angetreten.
Willkommen in der österreichischen Realität! Wo Österreichs
Wirtschaft die hohe Teilzeitquote – besonders unter Frauen beklagt.
Wo Kommunen über Löcher jammern, die Kindergärten und -krippen ins
Gemeindebudget reißen. Wo flexible und erschwingliche
Betreuungsangebote für den Nachwuchs fehlen, weshalb Mütter – und nur
selten: Väter – in ihren Berufen kürzer treten müssen. Besonders in
ländlichen Gebieten bedeutet das für die Frauen: weniger Einkommen,
höhere Abhängigkeit vom Lebenspartner, geringere Pensionen und
höheres Risiko von Altersarmut. Abhilfe würde ein breiteres Angebot
an Tageselten schaffen. Diese kümmern sich in familiennahen
Strukturen um maximal sechs (meist kleine) Kinder und gehen auf die
Bedürfnisse und die Entwicklung jedes einzelnen ein. Zusätzlich
können Tagesmütter und -väter ihre Betreuungszeiten an die
Arbeitszeiten der Eltern anpassen und so eine maßgeschneiderte
Betreuung gewährleisten. Oft ergänzen sie damit institutionelle
Kinderbetreuungseinrichtungen zu den Tagesrandzeiten, in der Früh, am
Abend sowie in den Ferien.
Poltische Kurskorrektur längst überfällig und dringend notwendig
Zum Aktionstag der Tageseltern , am 7. Oktober , weist das
Hilfswerk auf die schwierigen Rahmenbedingungen für Tagesmütter und –
väter in Österreich hin und fordert eine politische Kurskorrektur .
„In der bis 2027 laufenden 15a-Vereinbarung für Elementarpädagogik
erwähnen Bund und Länder die Tageseltern zwar. Es fehlt aber die
explizite Integration bei den Themen Besuchspflicht,
Beitragsfreiheit, Sprachförderung, Ausbauziele, Qualifikationen und
Weiterbildung sowie bei Förder- und Finanzierungsmaßnahmen, erklärt
Isabella Ecker , Leiterin des Fachreferats Kinder, Jugend, Familie
und Psychosoziale Dienste im Hilfswerk Österreich. „Viele Familien
würden die flexiblen Rahmenbedingungen von Tageseltern gerne nutzen,
können dies aber aus finanziellen Gründen nicht. Damit fehlt echte
Wahlfreiheit zwischen den Betreuungsformen“, so Ecker. Das Hilfswerk
fordert daher eine rasche Gleichstellung, u. a. in folgenden Punkten:
–
Tageseltern-Betreuung muss so wie der Kindergarten beitragsfrei
sein!
–
Betreuung durch Tageseltern auch bei Sprachförderbedarf , wenn
diese über entsprechende Kompetenzen verfügen!
–
Explizite Einbeziehung von Tagesmüttern und -vätern in den Ausbau
elementarpädagogischer Betreuung!
–
Auch Tageseltern brauchen Vorbereitungszeiten , damit sie ihre
pädagogische Arbeit vollumfänglich leisten können!
–
Finanzierung von Sprachfördermaßnahmen und Sprachstandserhebungen
durch Tageselternorganisationen, analog zu den Kindergärten!
–
Förderungen von Personalkosten an jene in elementarpädagogischen
Einrichtungen anheben !
Barcelona-Ziele ohne Tageseltern unerreichbar
Mit der Ratifizierung der so genannten Barcelona-Ziele hat sich
Österreich 2002 zum Ausbau der elementarpädagogischen Betreuung
verpflichtet. Die 2022 in Kraft getretene Neufassung der Barcelona-
Ziele verpflichtet EU-Staaten, folgende Mindestbetreuungsquoten
einzuhalten: 45 Prozent der bis zu dreijährigen und 90 Prozent der
Kinder zwischen 3 und 6 Jahren sollen bis 2030 elementarpädagogisch
betreut werden. Österreich erfüllt gerade einmal die veraltete Quote
von 33% der Kinder unter 3 Jahren. Und das nur , weil im Monitoring-
Bericht zur elementaren Bildung ( Statistiken zur elementaren Bildung
2024/25 ) seit 2022 auch Tageselternplätze mitzählen . Ohne
Tageseltern läge die Betreuungsquote deutlich niedriger.
„Bund und Länder nutzen die Arbeit der Tagesmütter und -väter, um
den bildungspolitischen Stillstand zu behübschen. Wenn es aber darum
geht, Tageselternbetreuung der Betreuung in Kindergärten und -krippen
gleichzustellen und sie in die elementarpädagogischen Ausbaupläne
sowie in die Förderpraxis zu integrieren, duckt sich die Politik
weg“, ärgert sich Isabella Ecker. „Auch Kinder mit Behinderungen oder
spezifischen Bedürfnissen sowie deren Eltern leiden unter dieser
Situation. Dank kleiner Gruppengrößen und zeitlicher Flexibilität
bietet die Tageselternbetreuung nämlich sehr gute
Einstiegsmöglichkeiten in die familienergänzende Betreuung“,
argumentiert Ecker.
Leistungsfähige und kostengünstige Lösung für Gemeinden und
Betriebe
Tageseltern sind in Zeiten knapper Budgets und hohem
Fachkräftemangel eine kostengünstige Alternative, um Mütter (und
Väter) von Kleinkindern den beruflichen Wiedereinstieg nach der
Karenz zu erleichtern. Einige Bundesländer haben das Potenzial dieser
Betreuungsform erkannt und erweitert. Damit ist es möglich, dass
Tagesmütter und -väter nicht mehr nur in den eigenen vier Wänden,
sondern auch in Räumlichkeiten von Gemeinden und Betrieben tätig
werden können. Ihre Flexibilität und die individuelle Betreuung
bieten in diesem Kontext einen wertvollen Beitrag zur regionalen
Betreuungsinfrastruktur. Und sie helfen mit, die Landflucht
insbesondere junger Frauen und Familien einzudämmen. In Unternehmen
erweisen sich Tageseltern als interessante Option, um durch ein
flexibles Plus an Familienfreundlichkeit Fachkräfte zu gewinnen bzw.
zu halten. In Salzburg und der Steiermark wird dieses Modell der „
Betriebstageseltern “ bereits erfolgreich umgesetzt. Es bietet sich
besonders für Klein- und Mittelbetriebe an, weil es bereits ab einer
Belegung mit zwei Kindern funktioniert.
Ob in Familien, Kommunen oder Betrieben: Der Bedarf an
Kinderbetreuungsplätzen steigt. Deshalb spricht sich das Hilfswerk
nachdrücklich für einen Ausbau von Tageseltern-Angeboten in ganz
Österreich aus. „Es ist höchste Zeit, die gesetzlichen Regelungen in
den Bundesländern und das Finanzierungsmodell für Tagesmütter und –
väter an die Bedürfnisse anzupassen. Mit den richtigen
Rahmenbedingungen könnten wir das Potenzial von Tageseltern noch
besser nutzen und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf deutlich
verbessern“, meint Isabella Ecker abschließend.
Über das Hilfswerk
Das Hilfswerk Österreich ist mit seinen Landes- und Teilverbänden
einer der größten gemeinnützigen Anbieter gesundheitlicher, sozialer
und familiärer Dienste in Österreich. Im elementarpädagogischen und
außerschulischen Bereich betreuen rund 2.400 Mitarbeiterinnen und
Mitarbeiter ca. 20.500 Kinder und Jugendliche in mehr als 500
Einrichtungen. Unter ihnen rund 350 Tagemütter und -väter.
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