Wien (OTS) – „Wenn 97 Prozent der Kassenstellen besetzt sind und die
Menschen
trotzdem wochen- oder monatelang auf einen Termin warten, dann kann
man sich diese Zahl nicht einfach als Erfolg umhängen. Im Gegenteil:
Dann zeigt sie ziemlich deutlich, dass unser Problem längst nicht nur
die Zahl der besetzten Kassenstellen ist, sondern die Art, wie wir
Versorgung in Österreich organisieren“, reagiert der
Gesundheitssprecher der Grünen, Ralph Schallmeiner, auf die aktuellen
Zahlen zu den Kassenstellen.
Die Aussage von Gesundheitsministerin Korinna Schumann, wonach
die Versorgung sichergestellt sei, greife daher deutlich zu kurz.
„Versorgung ist nicht dann sichergestellt, wenn irgendwo in einem
Stellenplan ein Hakerl gesetzt werden kann. Versorgung ist dann
sichergestellt, wenn Menschen tatsächlich zeitnah die Behandlung
bekommen, die sie brauchen. Ohne Postleitzahlen-Roulette, ohne
private Krankenversicherung oder Kreditkarte“, sagt Schallmeiner.
Besonders deutlich werde das etwa bei der Kinder- und
Jugendpsychiatrie: Ein hoher Besetzungsgrad sage wenig darüber aus,
ob überhaupt ausreichend Versorgungskapazitäten geplant wurden. „Wenn
ich zu wenige Stellen plane und diese dann zu 96 Prozent besetzt
sind, habe ich damit noch lange kein Versorgungsproblem gelöst.“
Für den Gesundheitssprecher der Grünen braucht es deshalb jetzt
ein Gesamtpaket statt weiterer Einzelmaßnahmen. Im Zentrum müsse
endlich der seit Jahren ausstehende österreichweit einheitliche
Kassenvertrag für die ÖGK stehen. Noch immer bestehen
unterschiedliche Vertrags- und Honorarsysteme zwischen den
Bundesländern. „Wir haben eine Österreichische Gesundheitskasse, aber
noch immer keinen wirklich österreichweiten Kassenvertrag. Gleiche
Beiträge müssen endlich auch zu vergleichbaren Leistungen führen.
Unabhängig davon, ob jemand in Nüziders, Wien oder in Attnang
Puchheim lebt.“
Gleichzeitig müssten die Strukturen so verändert werden, dass
notwendige Reformen nicht länger von einzelnen Akteuren blockiert
werden können. „Es kann nicht sein, dass notwendige Veränderungen bei
Honorierung, Kooperation oder neuen Versorgungsformen über Jahre
daran scheitern, dass einzelne Funktionäre unwillig sind. Wer einen
österreichweiten öffentlichen Versorgungsauftrag hat, braucht auch
österreichweit handlungsfähige Strukturen“, fordert Schallmeiner.
Ein neuer Gesamtvertrag müsse außerdem weit mehr sein als ein
neuer Honorarkatalog für klassische Einzelordinationen. „Wir müssen
weg von einem Kassensystem, das Medizin noch immer viel zu oft als
Summe einzelner ärztlicher Leistungen abrechnet. Wir brauchen
Pauschalierungen, Teammodelle, Primärversorgung, fachärztliche
Zentren, Netzwerke und eine viel stärkere Zusammenarbeit mit Pflege,
Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie, Psychologie und anderen
Gesundheitsberufen.“
Dass multiprofessionelle Primärversorgung bessere
Arbeitsbedingungen, Arbeitsteilung, längere Öffnungszeiten und eine
koordinierte Betreuung ermöglichen kann, wird auch von der ÖGK selbst
hervorgehoben.
Dazu müsse endlich auch die zersplitterte Planung und
Finanzierung überwunden werden. „Solange Bund, Länder,
Sozialversicherung und Spitäler in unterschiedlichen Töpfen,
Zuständigkeiten und Logiken denken, werden wir weiter erleben, dass
jeder seinen eigenen Bereich optimiert und niemand das Gesamtsystem.“
„Wir müssen gemeinsam planen, welche Versorgung die Bevölkerung
in einer Region tatsächlich braucht – über Bundesländergrenzen und
über die Grenze zwischen Ordination und Spital hinweg – und diese
Versorgung dann auch gemeinsam finanzieren.“
Schallmeiner nimmt Gesundheitsministerin Schumann daher
ausdrücklich in die Pflicht: „Frau Ministerin, die Diagnose liegt
längst auf dem Tisch. Jetzt braucht es die Therapie: einen
österreichweiten Kassenvertrag, moderne multiprofessionelle
Versorgungsmodelle, ein Ende der Blockademöglichkeiten einzelner
Akteure sowie gemeinsame Planung und Finanzierung. 97 Prozent
besetzte Stellen helfen niemandem, wenn die Menschen trotzdem keinen
Termin bekommen. Entscheidend ist nicht, wie viele Kästchen im
Stellenplan abgehakt sind – entscheidend ist, ob Versorgung bei den
Menschen ankommt.“





